Potenzial der Hochsensibilität


Wahrnehmungs- und Verarbeitungsbegabung

Eine Begabung ist eine von Geburt an gegebene Fähigkeit, die nicht erlernt werden muss und die im Laufe eines Lebens auch nicht wirklich verloren gehen kann. Vielen Hochsensiblen ist nicht bewusst, dass sie mit einer neurologischen Wahrnehmungs- und Verarbeitungsbegabung auf die Welt gekommen sind. Es ist davon auszugehen, dass nur ein Fünftel der Menschen mit solch einer sensitiven Wahrnehmung und Verarbeitung ausgestattet ist. Die Besonderheit zeigt sich  bei jedem Hochsensiblen in einem anderen Gewand.

 

Offenheit für neue Erfahrungen

Bei Hochsensiblen besteht eine Offenheit gegenüber Reizen, die dazu führt, eine Menge an bewussten und unbewussten Informationen zu sammeln. Die Fähigkeiten sich einzufühlen, begrenzen sich nicht nur auf Menschen um ihn herum, sondern genauso auf Themen. Die Interessensgebiete können vielfältig gelagert sein und sich auf die mentale, emotionale oder sensorische Ebene richten. Eine Offenheit gegenüber neuen Eindrücken ist physiologisch angelegt. Hochsensible können gar nicht anders, als ihre Wahrnehmung ständig in alle Richtungen wandern zu lassen. Diese Offenheit zeigt sich auch darin, wie sich hochsensible Menschen an ihrem Umfeld orientieren. Interesse oder Neugier sind bei vielen treibende Kräfte und die Bereitschaft zu Unvoreingenommenheit und Toleranz. Offenheit als Haltung ist die Voraussetzung dafür, neu und anders zu denken und unkonventionelle Lösungen in Betracht zu ziehen.

 

Intuition

Intuition ist die Fähigkeit aus sich heraus, ohne Einsatz des Verstandes oder der Orientierung an äußeren Faktoren zu Einsichten und Entscheidungen zu gelangen. Intuitive Fähigkeiten beruhen auf Erfahrungen und auf unbewusst gespeicherten Inhalten. Viele haben einen unverstellten Zugang zu ihrem Bauchgefühl und nutzen es als Ratgeber und Entscheidungshilfe. Besonders in neuen Situationen oder unter Stress verlassen sich Hochsensible gerne auf ihre Intuition. An Stellen, wo ihnen ein bestimmtes Wissen oder der Überblick fehlt, können sie aus dieser Ressource schöpfen. Für Fragen und Entscheidungen, die sich auf die Zukunft beziehen, stehen uns bewusst oft zu wenige Informationen zur Verfügung, als dass wir verlässliche Prognosen abgeben könnten. Viele Hochsensible haben ein untrügliches Gespür dafür, wie eine Sache weitergeht oder ausgeht. Die intuitiven Fähigkeiten stützen bei Einschätzungen, Entscheidungen, Prozessverläufen und Zielvorstellungen.

Begabungstypen

Die Typologie der drei hochsensiblen Begabungstypen ist modellhaft zu verstehen. Bei jedem Menschen sind natürlicherweise alle drei Aspekte der Wahrnehmung und Verarbeitung vorhanden. Wir unterscheiden uns jedoch darin, wie stark jeder einzelne Aspekt bei uns ausgeprägt ist.

 

Der rational geleitete Typ

Ein hochsensibler Mensch, dessen Schwerpunkt auf seinen mentalen Begabungen beruht, fällt auf den ersten Blick durch seine Sprachkompetenz auf. Er versteht es, seine Sichtweisen und Anliegen schnell und präzise zu formulieren. Sein Denken ist analytisch, synthetisch und abstrakt. Er reflektiert seine Fragen, Thesen und Ideen präzise und tiefgründig, er sucht Austausch und Anregung bei anderen, hat eine Tendenz kritisch zu hinterfragen, Bewährtes auf den Kopf zu stellen und neue Lösungen anzubieten. Seine Fehlersensibilität ist aufgrund seiner Detailwahrnehmung ausgeprägt. Dabei ist es ihm wichtig vorausschauend, sinnvolle und nachhaltige Lösungen zu planen. Er ist interessiert und offen, Neues zu erfahren. Geht es um seine Arbeit, durchdringt er Aufgaben und komplexe Zusammenhänge sehr schnell und ist in der Lage sie im Kontext zuzuordnen und Verknüpfungen herzustellen.

 

Der emotional geleitete Typ

Ein hochsensibler Mensch, der sich durch seine intensive Gefühlswelt leiten lässt, ist durch sein großes Einfühlungsvermögen mit der Außenwelt verbunden ist. Nicht nur in Beziehungen zu Menschen, sondern gleichsam in der Natur, an Orten und in Räumen, in der Kunst und Musik und allem Umgebenden, nimmt der emotional geleitete Typ Botschaften aus seiner Umwelt wahr. Das äußere Erlebnis löst in ihm ein inneres gefühlsbetontes Erleben aus. Das Einfühlungsvermögen ist eine Ressource im Kontakt mit anderen. Hochsensible können gut zuhören, nehmen Stimmungen und Störfelder in ihrer Umgebung in Sekundenschnelle wahr. In Gruppen erfassen sie schnell, wer im Konflikt steht oder wer gut mit wem kann, wer fair operiert oder politisch taktiert.

 

Der sensorisch geleitete Typ

Hochsensible Menschen, die sich stark durch ihre Sensorik leiten lassen, haben ausgeprägte und verfeinerte Sinneswahrnehmungen als andere. Sie nehmen endogene und exogene Reize intensiver wahr und gehen in Resonanz damit. Dieser Typ entscheidet aufgrund seiner Deutung von Sinneseindrücken, wie er etwas bewertet und wie er sich daraufhin verhalten möchte. Er kann sehr fein und detailliert beschreiben, was in seinem Körper vorgeht. Er spürt weit vorher, wenn er krank wird und möglicherweise kann er auch Krankheiten anderer anhand seiner körperlichen Resonanzfähigkeit erspüren. Wenn er gelernt hat, auf seine Sinnesempfindungen zu vertrauen und sie als Ratgeber zu nutzen, kann er intuitiv und achtsam Handeln. Dann ruht er in sich und strahlt Gelassenheit aus.

Orientierung an Werten

Gerechtigkeit

Schon Kinder werden mit Ungerechtigkeit in der Kita oder Schule konfrontiert. Hochsensible Kinder können nicht verstehen, wie es sein kann, dass sich Erwachsene oder andere Kinder ungerecht verhalten und überlegen, was sie an deren Stelle getan hätten. Sie leiden darunter. Es entspricht schon früh ihrem Weltbild, verständnisvoll und friedlich miteinander umzugehen. Der Gerechtigkeitssinn im Erwachsenenalter wird am Arbeitsplatz häufig auf die Probe gestellt. Es fehlt oftmals an Fairness, Loyalität, Gleichberechtigung, Transparenz und Anerkennung. In unserer leistungsbezogenen und ich-zentrierten Ellenbogengesellschaft spielt Gerechtigkeit oftmals keine große Rolle. Hochsensiblen Menschen ist es wichtig, dass jeder zu seinem Recht kommt, dass jeder angemessen nach seinen Erwartungen und Leistungen behandelt wird. Wir haben ein feines Gespür dafür, wer sich angemessen und fair verhält. Gerechtigkeit ist eine Voraussetzung für Harmonie und Frieden in unserer Welt.

 

Aufrichtigkeit

Mit der Aufrichtigkeit verhält es sich ähnlich wie mit der Gerechtigkeit. Sie ist für die meisten Hochsensiblen eine unabdingbare, in keiner Weise in Frage zu stellende Eigenschaft. Umso mehr trägt es zu unserer Fassungslosigkeit bei, wenn wir mit Unaufrichtigkeit konfrontiert werden. Wir erleben uns selbst als aufrichtig und ehrlich, weil wir nach einer objektiven Wahrheit streben und wir möchten alles tun, dieser Wahrheit, so subjektiv sie objektiv gesehen vielleicht auch sein mag, zu entsprechen. Von anderen erwarten wir naturgemäß das gleiche. Wir tragen ein idealistisches Bild einer guten, wahren Welt in uns, haben eine Erwartung an die Redlichkeit, Rechtschaffenheit und Ehrlichkeit unseres Gegenübers und die Enttäuschung, wenn es sich doch anders herausstellt. Insbesondere in engen Beziehungen leiden wir unter solch einem Vertrauensverlust. 

 

Mitmenschlichkeit

Wir spüren meist sehr gut, wie es dem anderen geht, manchmal sogar besser als wir uns selbst spüren. Es ist uns ein Anliegen, dass es den anderen gut geht. Mitmenschlich zu handeln ist ein Wert, der sich darauf stützt das Wohl der anderen mindestens genauso im Auge zu haben wie das eigene. Dazu braucht es Einfühlungsvermögen, ein Ohr, das dem anderen gerne zuhört und ein Herz, das bereit ist im Sinne des anderen zu handeln. Mitmenschlichkeit zeigt sich oftmals in der Berufswahl Hochsensibler. Das Herz für andere, die Sorge um das Wohlbefinden, um die Verbesserung gesundheitlicher, sozialer, emotionaler Bedingungen sind Aspekte, die mitmenschlich ausgerichtete Hochsensible antreibt, sich in gesundheitlichen, sozialen, therapeutischen Berufen zu engagieren. Sie stehen gerne auf der Seite der Schwächeren und setzen sich für deren Anliegen ein.

 

Perfektion

Unter Perfektion verstehe ich den Anspruch an Ausgereiftheit oder Vollkommenheit unseres Denkens und Handelns. Ich vermute, dass jeder hochsensible Mensch diese Facette an sich kennt, womöglich zu ganz unterschiedlichen Themen. Perfektion hat etwas mit der Qualität unseres Daseins zu tun. Wir suchen nach Sinn und Erfüllung, und die finden wir nicht in irgendeiner Mittelmäßigkeit. Unsere feine Wahrnehmung und die Verarbeitungsfähigkeiten, tiefgründiger, vernetzter und vorausschauender zu denken und zu fühlen, versetzen uns in die Lage, uns die bestmögliche Lösung vorzustellen. Wir können kraft unserer Intuition eine erstaunlich gute Idee einer zukünftigen Situation, eines Lösungsweges oder Endergebnisses zeichnen. Aus dieser Vorstellungskraft des Möglichen leiten wir das Machbare ab. Somit wird das Machbare häufig zu einem anspruchsvollen Unterfangen.

 

Idealismus

Die Vorstellung von Vollkommenheit in dieser Welt treibt Hochsensible an. Sie nehmen wahr, an welchen Stellen Fehler auftauchen, welche Prozesse ineffektiv sind, wo politische oder Machtstrukturen Veränderungen im Wege stehen, welche zwischenmenschlichen Probleme zu Reibungsverlusten führen. Sie entwickeln Ideen, umzu verbessern. Sie haben eine Vorstellung, wie es ideal laufen könnte, wenn alle an einem Strang ziehen würden. Häufig identifizieren sie sich sehr stark mit ihrer Aufgabe. Sie arbeiten oft mehr als sie müssten, um ihren Ansprüchen an sich und die Aufgabe gerecht zu werden. Auch auf familiärer und gesellschaftlicher Ebene streben sie die beste aller Welten an. Das Bild von der glücklichen Familie treibt sie an, ihre Träume zu verwirklichen. Die Idee von Menschlichkeit motiviert sie, sich sozial zu engagieren. Die Verbundenheit zur Natur lässt sie ökologisch handeln. Idealismus kann eine treibende Kraft sein, sowohl Neues zu erschaffen als auch Bestehendes zu erhalten. Er kann Flügel verleihen und andere begeistern.