Kriterien der Hochsensibilität


Der Begriff Hochsensibilität beruht auf der Forschung der amerikanischen Psychologin und Psychotherapeutin Dr. Elaine N. Aron, die sie seit den 1990er Jahre betreibt. Die „Highly Sensitive Person“ (HSP), wie Aron sie nennt, macht 15 bis 20% der Bevölkerung aus. Das ist zwar eine Minderheit, aber in Summe sind es dann doch viele, die bestimmte Merkmale der sensitiven Wahrnehmung und Verarbeitung in die Wiege gelegt bekommen haben. Durch die Promotion von Dr. Sandra Konrad, deren Kern die Validierung des Fragebogens von Dr. Elaine Aron war, ist die verlässliche Trennung von hochsensiblen und nicht-hochsensiblen Menschen inzwischen bestätigt. Das hochsensible Persönlichkeitskonzept beschreibt ein angeborenes Temperamentsmerkmal, das im Laufe des Lebens eher stabil ausgeprägt ist und im Wesentlichen eine tiefere Wahrnehmung und Verarbeitung von endogenen und exogenen Reizen darstellt.

 

Es gibt nicht das alleinige hochsensible Merkmal, vielmehr äußert sich die Hochsensibilität in einer Häufung von bestimmten Kriterien, die von Mensch zu Mensch, sowohl in der Qualität als auch in der Quantität, stark variieren können. Insofern mag ich den Begriff Hochsensibilität auch nicht besonders, weil er aus meiner Sicht Assoziationen weckt, die nur teilweise dem entsprechen, was Hochsensibilität ist. Er verstärkt in vielen Fällen nur noch das, was Hochsensible sowieso schon erfahren, sobald sie von Hochsensibilität sprechen, nämlich Abwertung. „Hoch“ und „sensibel“ sind in unserer Gesellschaft nicht gerade erstrebenswerte Attribute, außerdem stellen sie lediglich die eine Seite der Medaille dar. Hochsensibilität weist auf der anderen Seite eine Menge Begabungen und Stärken auf, die mit diesem Begriff erst einmal nicht in Verbindung gebracht werden. Einfühlsamkeit und Mitgefühl sind nur zwei von sehr vielen Kriterien, die Hochsensibilität kennzeichnen. Das Gegenteil von hochsensibel ist nicht unsensibel sondern nicht-hochsensibel.

 

 

Dennoch gibt es gemeinsame Nenner, die jeder Hochsensible an sich wahrnimmt. Es sind vier Indikatoren, die erfüllt sein müssen, damit das Vorhandensein einer Hochsensibilität bestätigt ist:

Indikatoren für Hochsensibilität

Erhöhte Empfindsamkeit der Sinne

Ein Indikator ist die sensorische Sensitivität bei mindestens einem Sinnesorgan. Jeder hochsensible Mensch benennt wenigstens eine Überempfindlichkeit beim Sehen, Hören, Riechen, Schmecken oder Fühlen. Bei vielen sind es mehrere Sinne, bei einigen, sehr hochsensiblen Personen sind alle Kanäle betroffen. Sind die Ohren ein Schwachpunkt, genügt es schon, wenn sich Kollegen im Nachbarbüro zu laut unterhalten, dass  die Konzentration leidet. Viele meiden große Veranstaltungen, Konzerte und ähnliches, weil sie Lautstärke als schmerzhaft empfinden. Kratzige Kleidungsstücke, das berühmte Schildchen im Kragen, schlecht sitzende Schuhe sind für andere unerträglich. Temperaturschwankungen, Hitze oder Kälte werden von vielen als belastend beschrieben. Bei manchen sind die Augen lichtempfindlich, die Art der Lichtquelle ist manchmal entscheidend. Auch die Nase kann sehr fein sein und sich durch die unterschiedlichsten Gerüche irritiert fühlen. Die Geschmäcker sind verschieden und die hochsensible Geschmackswahrnehmung kann sich in der Ablehnung von intensiven Gewürzen, bestimmten geschmacklichen Kombinationen oder gar Ausschluss einiger Lebensmittel zeigen.

 

Intensive Wahrnehmung und Verarbeitung

Die hochsensible Wahrnehmung ist komplex. Sie ist präzise, detailliert, tiefgründig, vernetzt, vorausschauend und verknüpft die Informationen aus dem äußeren Erleben mit einer inneren Deutungsebene, die auf gedanklichen wie emotionalen, bewussten und unbewussten Daten beruht. Mit dieser Informationsfülle ausgestattet, spüren Hochsensible den Dingen lange nach. Sie denken ausgiebig über Auswirkungen auf sich und ihre Umgebung nach. Zukünftige Ereignisse malen sie sich in verschiedenen Alternativen plastisch aus, häufig über einen langen Zeitraum, bis sie innerlich an einem Punkt der Übereinstimmung gekommen sind. Ebenso wägen sie Entscheidungen lange ab. Auch hier führt die Informationsfülle zu zeitaufwendigen, vorausschauenden Betrachtungen, die dann meist zu folgerichtigen Entscheidungen führen. Leider gibt es noch ungenügende neurophysiologische Erkenntnisse, die eine hinreichende Erklärung in Hinblick auf die Aktivitäten im Gehirn bieten. Angenommen wird, dass in einem hochsensiblen Gehirn ein Vorgang erhöhter Geschwindigkeit und das Ansteuern einer höheren Zahl von Gehirnregionen stattfinden. Außerdem geht man davon aus, dass Reize, die im Gehirn eingehen, als bedeutsamer eingestuft werden als es in nicht-hochsensiblen Gehirnen der Fall ist.

 

Emotionale Reaktivität

Aus den vielfältigen wahrgenommenen Eindrücken werden zumeist starke Emotionen generiert. Erlebnisse aller Art, seien es Begegnungen oder auch nur das Beobachten anderer Menschen, der Aufenthalt in der Natur, Musik, Kunst, ein Einkaufsbummel in der City, eine Feier, ein langer Arbeitstag, eine Reise, ein Museumsbesuch, das Spielen mit den Kindern, ein Konflikt oder was auch immer, berühren, bewegen und beeinflussen hochsensible Menschen. Die Intensität und der Nachhall dieser Gefühle gestalten sich unabhängig von der Art. Glück, Freude,  Begeisterung, Unsicherheit, Zweifel, Angst, Misstrauen, Ärger, Gereiztheit, Wut, Verachtung, einmal aktivierte Gefühle hallen lange nach und können zusätzlich einen Gedankenkreis auslösen, der sich um diese Gefühle rankt und der möglicherweise Fragen auslöst. Die Gefühle entwickeln meist eine eigene Dynamik, die es schwer macht, sie loszulassen. Der Nachhall kann sich über viele Stunden oder gar Tage bis Wochen hinziehen. Sie können bei manchen Hochsensiblen so stark werden, dass sie sie in der Verrichtung ihres Alltagslebens behindern. Andererseits dient die Gefühlswelt vielen Hochsensiblen als Inspirationsquelle und Bereicherung auf die sie nicht verzichten wollten.

 

Überreizung

Ausgehend von den oben beschriebenen drei Indikatoren der Hochsensibilität wird offensichtlich, dass eine Überreizung der Sinne eine recht logische Konsequenz darstellt. Die intensive Wahrnehmung und Verarbeitung, die emotionale Reaktivität und die Empfindsamkeit der Sinne lassen eine Datenmenge im Gehirn entstehen, die durchaus Stress verursachen kann. Eine Überreizung zeigt sich anhand unterschiedlicher Symptome, wie in einer erhöhten Reizbarkeit, Unruhe, Aggressivität, körperlicher Anspannung, Kopfschmerzen, Schwitzen, Erröten, Herzrasen, Zittern, Weinen, im Sinken der kognitiven Fähigkeiten oder einer Erschöpfungsreaktion. Sind die eigenen Grenzen überschritten und es kommt zu solchen Symptomen, dann gilt für die meisten Hochsensiblen der Rückzug, um das aufgebaute Stressniveau wieder zu senken. Eine andere Verhaltensweise, die sich Hochsensible als Selbstschutz aneignen, ist der Verzicht auf bestimmte Aktivitäten, um es nicht erst soweit kommen zu lassen. Starke Quellen der Überreizung sind neue Situationen und Unbekanntes, Multitasking, Zeitdruck, Wettbewerb, Beobachtungssituationen, aber auch schöne, emotional stark beeinflussende, Erlebnisse wie Feiern, Reisen, Verliebtheit oder die Geburt eines Kindes.

 

 

Neben diesen vier Indikatoren, die qualitativ jeden Hochsensiblen betreffen, sich lediglich in der Quantität unterscheiden, gehören nach meiner Beobachtung viele weitere Facetten, auf die ich nun eingehen möchte. Hierbei wird sich nicht jeder bei allem angesprochen fühlen. Es gibt eine Vielzahl von Aspekten, die aus der intensiven Wahrnehmung und Verarbeitung ergeben:

Grundbedürfnisse

Bedürfnis nach Ruhe

Jeder Hochsensible kennt es, das nicht-zur-Ruhe-kommen, weil der Geist auf Hochtouren arbeitet und diverse Zukunftsszenarien (ob nun sinnvoll oder nicht) dreht oder gerade wieder die Emotionen hochkochen, weil uns ein Erlebnis stark bewegt. Die innere Unruhe, die durch unsere vielfältigen Wahrnehmungen, Gedanken und Gefühle ausgelöst wird, ruft förmlich nach Ruhe und Stille. Ruhe ist die komplementäre Seite dessen, was wir ständig in uns haben. Ruhe als Antwort auf die Unruhe im Außen wie im Innen.

  

Bedürfnis nach Harmonie

Äußere und innere Harmonie sind für viele Hochsensible notwendig, um entspannen zu können und sich wohl zu fühlen. Das bezieht sich in erster Linie auf unsere Beziehungen. Es ist uns ein Anliegen, mit den Menschen um uns herum einen aufrichtigen und wertschätzenden Umgang zu pflegen. Dazu gehört das Verstehen und verstanden werden, ein ruhiger Umgangston, Höflichkeit, Mitgefühl. Treten angespannte Stimmungen oder Konflikte auf, wird der Ton rauer, fangen Hochsensible an, sich unwohl zu fühlen und viele tun dann alles Mögliche, um ihr Umfeld wieder in Einklang zu bringen. Menschen mit einer visuellen Ausprägung suchen Harmonie häufig in den Objekten, mit denen sie sich umgeben, in Kunst oder Landschaften. Ähnliches gilt für Menschen mit auditiver Ausprägung, die ihre Harmonie in der Musik finden. Auch über den Geschmacks-, Geruchs- und Tastsinn kann Harmonie erfahren werden.

 

Bedürfnis nach eigener Ordnung

Unter einer eigenen Ordnung verstehe ich das Bedürfnis und die gleichzeitige Fähigkeit, die Anforderungen des Lebens auf eine individuelle, höchst persönliche Art und Weise zu erledigen. Hochsensible Menschen leben zufriedener, wenn sie die Möglichkeit haben, viele Faktoren selbst zu beeinflussen und wenig auf Steuerung von außen angewiesen sind. Unsere Wahrnehmungsbegabung versetzt uns in die Lage, schnell vielfältige Informationen aus unserem Umfeld aufzunehmen und umzusetzen. Das bedeutet, dass wir uns meist ein sehr verlässliches Bild von einer Situation verschaffen können. Unser komplexes und vorausschauendes Denken verhilft darüber hinaus, Prozesse und Lösungsstrategien zu entwerfen. Lösungsideen stellen sich wie von selbst ein. Sie entsprechen einem tiefen Verständnis einer Situation, eines Prozesses oder Lösungsweges.

 

Bedürfnis nach Sicherheit

Viele hochsensible Menschen kennen es von sich, in bestimmten Situationen gedanklich bereits in die Zukunft gereist zu sein. In dieser Vorstellung malen sie sich plastisch die unterschiedlichsten Alternativen aus, wie wohl etwas weiter- oder ausgehen möge. Neue Situationen sind für Hochsensible mit einer enormen Reizdichte verbunden. Je nachdem wie empfindlich die sensitive Wahrnehmung eines Hochsensiblen ist, desto stärker reagiert sein Nervensystem auf alles Neue oder Unerwartete mit Überreizung. Dies ein Zustand, den wir tunlichst vermeiden sollten. Das Bedürfnis nach Sicherheit ist ein Bedürfnis nach Planbarkeit und Verlässlichkeit. Wir möchten gerne wissen, was auf uns zukommt, damit wir ruhig und souverän bleiben können. Die Beschäftigung mit der bevorstehenden Situation ermöglicht eine Einschätzung der Problematik und der eigenen Möglichkeiten, damit zurecht zu kommen.

  

Bedürfnis nach Sinn

Eine zentrale Frage im Leben eines hochsensiblen Menschen spielt der Sinn. Ich unterscheide dabei den großen und den kleinen Sinn. Unter dem großen Sinn verstehe ich Fragen nach dem Sinn des Lebens, der eigenen Rolle, den zu erfüllenden Aufgaben auf dieser Welt, einer höheren Verantwortung. Vielen hochsensiblen Menschen stellen sich solche Fragen schon sehr früh. Im Alltagsleben beschäftigt uns eher der kleine Sinn, den ich als genauso wesentlich betrachte, denn die Frage nach dem kleinen Sinn schwingt in jeder Minute unseres Alltags mit: „Warum soll ich das tun?“ oder „Was bringt mir das?“ mischen gerne mit, insbesondere wenn wir gehalten sind, gesellschaftlichen Normen zu entsprechen. Unser Bedürfnis, tiefgründig und komplex zu verstehen, zu lernen, zu entwickeln wird in manchen Situationen des Alltags ganz und gar nicht befriedigt. Wir mögen es, zwischen den Zeilen zu lesen, Zwischentöne zu hören und hinter die Kulissen zu schauen. Wir möchten das Ganze erfassen und daraus sinnhaft handeln.

 

 

Die Empfindsamkeit der Sinne, die erhöhte Wahrnehmungs- und Verarbeitungsdichte und die emotionale Reaktivität wirken sich auf das subjektive Problemempfinden aus. Die Problemfelder können bei jedem Hochsensiblen auf unterschiedlichen Gebieten liegen:

Orientierung an Werten

Gerechtigkeit

Schon Kinder werden mit Ungerechtigkeit in der Kita oder Schule konfrontiert. Hochsensible Kinder können nicht verstehen, wie es sein kann, dass sich Erwachsene oder andere Kinder ungerecht verhalten und überlegen, was sie an deren Stelle getan hätten. Sie leiden darunter. Es entspricht schon früh ihrem Weltbild, verständnisvoll und friedlich miteinander umzugehen. Der Gerechtigkeitssinn im Erwachsenenalter wird am Arbeitsplatz häufig auf die Probe gestellt. Es fehlt oftmals an Fairness, Loyalität, Gleichberechtigung, Transparenz und Anerkennung. In unserer leistungsbezogenen und ich-zentrierten Ellenbogengesellschaft spielt Gerechtigkeit oftmals keine große Rolle. Hochsensiblen Menschen ist es wichtig, dass jeder zu seinem Recht kommt, dass jeder angemessen nach seinen Erwartungen und Leistungen behandelt wird. Wir haben ein feines Gespür dafür, wer sich angemessen und fair verhält. Gerechtigkeit ist eine Voraussetzung für Harmonie und Frieden in unserer Welt.

 

 

Aufrichtigkeit

Mit der Aufrichtigkeit verhält es sich ähnlich wie mit der Gerechtigkeit. Sie ist für die meisten Hochsensiblen eine unabdingbare, in keiner Weise in Frage zu stellende Eigenschaft. Umso mehr trägt es zu unserer Fassungslosigkeit bei, wenn wir mit Unaufrichtigkeit konfrontiert werden. Wir erleben uns selbst als aufrichtig und ehrlich, weil wir nach einer objektiven Wahrheit streben und wir möchten alles tun, dieser Wahrheit, so subjektiv sie objektiv gesehen vielleicht auch sein mag, zu entsprechen. Von anderen erwarten wir naturgemäß das gleiche. Wir tragen ein idealistisches Bild einer guten, wahren Welt in uns, haben eine Erwartung an die Redlichkeit, Rechtschaffenheit und Ehrlichkeit unseres Gegenübers und die Enttäuschung, wenn es sich doch anders herausstellt. Insbesondere in engen Beziehungen leiden wir unter solch einem Vertrauensverlust. 

 

Mitmenschlichkeit

Wir spüren meist sehr gut, wie es dem anderen geht, manchmal sogar besser als wir uns selbst spüren. Es ist uns ein Anliegen, dass es den anderen gut geht. Mitmenschlich zu handeln ist ein Wert, der sich darauf stützt das Wohl der anderen mindestens genauso im Auge zu haben wie das eigene. Dazu braucht es Einfühlungsvermögen, ein Ohr, das dem anderen gerne zuhört und ein Herz, das bereit ist im Sinne des anderen zu handeln. Mitmenschlichkeit zeigt sich oftmals in der Berufswahl Hochsensibler. Das Herz für andere, die Sorge um das Wohlbefinden, um die Verbesserung gesundheitlicher, sozialer, emotionaler Bedingungen sind Aspekte, die mitmenschlich ausgerichtete Hochsensible antreibt, sich in gesundheitlichen, sozialen, therapeutischen Berufen zu engagieren. Sie stehen gerne auf der Seite der Schwächeren und setzen sich für deren Anliegen ein.

 

 

Perfektion

Unter Perfektion verstehe ich den Anspruch an Ausgereiftheit oder Vollkommenheit unseres Denkens und Handelns. Ich vermute, dass jeder hochsensible Mensch diese Facette an sich kennt, womöglich zu ganz unterschiedlichen Themen. Perfektion hat etwas mit der Qualität unseres Daseins zu tun. Wir suchen nach Sinn und Erfüllung, und die finden wir nicht in irgendeiner Mittelmäßigkeit. Unsere feine Wahrnehmung und die Verarbeitungsfähigkeiten, tiefgründiger, vernetzter und vorausschauender zu denken und zu fühlen, versetzen uns in die Lage, uns die bestmögliche Lösung vorzustellen. Wir können kraft unserer Intuition eine erstaunlich gute Idee einer zukünftigen Situation, eines Lösungsweges oder Endergebnisses zeichnen. Aus dieser Vorstellungskraft des Möglichen leiten wir das Machbare ab. Somit wird das Machbare häufig zu einem anspruchsvollen Unterfangen.

 

Idealismus

Die Vorstellung von Vollkommenheit in dieser Welt treibt Hochsensible an. Sie nehmen wahr, an welchen Stellen Fehler auftauchen, welche Prozesse ineffektiv sind, wo politische oder Machtstrukturen Veränderungen im Wege stehen, welche zwischenmenschlichen Probleme zu Reibungsverlusten führen. Sie entwickeln Ideen, umzu verbessern. Sie haben eine Vorstellung, wie es ideal laufen könnte, wenn alle an einem Strang ziehen würden. Häufig identifizieren sie sich sehr stark mit ihrer Aufgabe. Sie arbeiten oft mehr als sie müssten, um ihren Ansprüchen an sich und die Aufgabe gerecht zu werden. Auch auf familiärer und gesellschaftlicher Ebene streben sie die beste aller Welten an. Das Bild von der glücklichen Familie treibt sie an, ihre Träume zu verwirklichen. Die Idee von Menschlichkeit motiviert sie, sich sozial zu engagieren. Die Verbundenheit zur Natur lässt sie ökologisch handeln. Idealismus kann eine treibende Kraft sein, sowohl Neues zu erschaffen als auch Bestehendes zu erhalten. Er kann Flügel verleihen und andere begeistern.

 

Problemfelder

Unverstanden sein

„Keiner versteht mich.“ „Ich weiß nicht mehr, wie ich mich noch anders ausdrücken soll.“ „Andere finden mich anstrengend.“ „Ich bekomme von anderen die Rückmeldung, ich würde die Dinge zu kompliziert sehen.“  Es ist eine Mischung aus Irritation über die anderen und Zweifel an sich selbst. Hochsensible, die sich in ihrem privaten oder beruflichen Umfeld unverstanden fühlen, erleben es enttäuschend, oft verbunden Traurigkeit oder sogar Einsamkeit. Unverstanden sein ist eine der häufigsten Leidensquellen. Wenn wir uns darauf besinnen, dass wir nur ein Fünftel der Menschen ausmachen, dann wird klar, warum das so ist. Vier Fünftel um uns herum nehmen die Welt in erhöhtem Maße anders wahr. Und diese vier Fünftel sind die Mehrheit. Jeder Mensch nimmt anders wahr, das ist ganz natürlich und selbstverständlich. Es gibt kein richtig und kein falsch, was die eigene Wahrnehmung anbetrifft. Hochsensibilität verstärkt diesen Unterschied um einiges. Das hochsensible Nervensystem hat weniger Reizfilter oder anders ausgedrückt, im Gehirn eines hochsensiblen Menschen werden eingehende Reize als relevanter bewertet. Es sind die neurologisch bedingten Wahrnehmungsunterschiede, die zu Missverständnissen oder Unverständnis führen.

  

Mangelnde Abgrenzung

Die Empfindsamkeit der Sinne zeichnet sich durch eine Offenheit gegenüber allen Reizen der Umgebung aus. Manche nennen es Durchlässigkeit. Die hochsensible Wahrnehmung ist eine 360-Grad-Wahrnehmung und je empfindsamer wir gegenüber Sinnesreizen sind, desto mehr nehmen wir auf. Unser Radar scannt ständig und überall ohne Rücksicht auf die Relevanz dessen, was wir aufnehmen. Im Umgang mit anderen Menschen steht bei den meisten Hochsensiblen daher ein großes Einfühlungsvermögen im Vordergrund. Der Hochsensible fühlt eher die Empfindungen des anderen als seine eigenen und einige fragen sich dann zu Recht, ob das was sie empfinden ihr Eigenes ist oder das des anderen. Wenn unser Radar eine Unstimmigkeit oder Ungerechtigkeit ortet, sind wir sofort bereit, regulierend auf eine Situation einzuwirken. Tun wir es nicht, hinterlässt es ein Gefühl von Unwohlsein, das wir tagelang mit uns herumtragen können.

 

Niedriges Selbstwertgefühl

Die Entwicklung eines guten Selbstwertgefühls hängt weitest gehend von den Rückmeldungen ab, die wir als Kinder bekommen haben und heute als Erwachsene bekommen. Hochsensible Kinder hatten bislang eher schlechte Voraussetzungen, positive Rückmeldungen von Eltern, Geschwistern, Lehrern oder Freunden zu bekommen, weil hochsensible Eigenschaften in unserer westlichen Gesellschaft leider nicht den Stellenwert haben. Außerdem war Hochsensibilität bisher weitestgehend unbekannt. Das Anderssein eines hochsensiblen Kindes wurde und wird negativ bewertet oder gar pathologisch mit der Tendenz, das Kind regelmäßig und nachhaltig aufzufordern, sich doch bitte so zu benehmen wie die anderen. Der Effekt, der sich bei solchen Erfahrungen einstellt, ist die Entwicklung eines negativen Selbstbildes. Dieses negative Selbstbild wird dann leider zur stabilen Basis für großen Leidensdruck auf allen Ebenen.

 

Selbsthemmung

Die drei Hauptkriterien der Hochsensibilität, die Empfindsamkeit der Sinne, die intensive Wahrnehmung und Verarbeitung von Reizen und die emotionale Reaktivität haben eine schnelle neuronale Überreizung und Übermüdung zur Folge, die durchaus auch weitere psychische oder physische Symptome mit sich bringen können. Jeder Hochsensible hat solche Reaktionen an sich beobachtet. Aus diesen Erfahrungen des Stresses kann sich eine Selbstunsicherheit entwickeln, die in bestimmten Formen der Selbsthemmung münden kann. Wir halten uns zurück, weichen aus, verzichten, um unser Nervensystem vor Stress zu schützen. Es sind ganz häufig neue Situationen, Konflikte, Unbekanntes, Unvorhergesehenes, veränderte Abläufe, im Mittelpunkt stehen oder einfach nur die starke Belastung durch Sinnesreize, wie beispielsweise Lärm, die enormen Stress auslösen. Die Selbsthemmung ist eine Reaktion auf Stress, die dem Selbstschutz dient, aber selbstbestimmten, progressiven Verhaltensweisen im Wege stehen kann. 

 

Gesundheit

Das hochsensible Nervensystem hat eine dauerhafte Anpassungsleistung an die nicht-hochsensible Welt zu leisten, verbunden mit den typischerweise immensen Ansprüchen, die Hochsensible an sich selbst haben. Der Versuch alles perfekt zu machen, allen Ansprüchen zu genügen, Verständnis für andere zu haben, mitzufühlen, ausgleichen zu wollen, mit den anderen mitzuhalten und am Ende vor sich selbst doch nicht zu genügen, bedeuten Stress pur. Das Reagieren mit physischen und psychischen Symptomen sowie eine Anfälligkeit für Erkrankungen sind erwiesen. Treten Symptome auf, ist das ein klares Signal des Körpers, dass Grenzen schon über einen längeren Zeitraum überschritten wurden. Überreizung zeigt sich anfangs in Gereiztheit und Anspannung, erkennbar an einem für Hochsensible eigentlich untypischen genervten, aggressiven Tonfall oder Zynismus und Ungeduld. Dazu können Kopfschmerzen und stärkere Verspannungen kommen. Später folgen Symptome wie innere Unruhe und Schlafstörungen, Konzentrationsmangel, nicht abschalten können, Tinnitus, Verdauungsbeschwerden, Erschöpfung, Ängste bis hin zu Depressionen. Dauerhafter Stress lässt das Hormon Cortisol ansteigen, das zur Schwächung der Immunreaktion und zur Anfälligkeit gegenüber Krankheiten führt. Ein einmal angestiegener Cortisolwert braucht enorm lange, um wieder in den Normbereich zu fallen.

Schwierigkeiten bei der Selbsteinschätzung

Manchen Menschen fällt es schwer, eine „Selbstdiagnose“ zu stellen, weil es sich bei ihnen um eine Vermischung von Hochsensibilität und psychischen Symptomen handeln kann. Auf belastende Erfahrungen in der Kindheit reagiert ein hochsensibler Mensch in der Regel sehr viel stärker als ein nicht-hochsensibler. Die Hochsensibilität wirkt auf Verletzungen wie eine Lupe oder ein Verstärker.

 

Ein anderes Kriterium, das die Selbsteinschätzung erschweren kann, ist die Tatsache der Extraversion. Nach Dr. Elaine Aron ist ungefähr ein Drittel der Hochsensiblen extravertiert. Diesen Menschen fällt es allgemein leichter, sich auf neue Situationen einzulassen, sie gehen auf andere zu, fühlen sich im Gegensatz zu den Introvertierten wohl in Gruppen und manche stehen sogar gerne im Mittelpunkt. Sie haben in der Regel weniger Probleme, ihre Interessen und Bedürfnisse umzusetzen und haben dadurch ein höheres Selbstwertgefühl.

 

Eine weitere Unterscheidung ist der High Sensation Seeker. Menschen mit dieser (ebenso angeborenen) Eigenschaft lieben neue, aufregende Erlebnisse, die mit starken Gefühlen einher gehen. Sie sind auf der Suche nach dem „Kick“, den sie beim Sport, auf Reisen in fremde Länder oder in beruflichen Herausforderungen finden. Kaum ist eine Sache beendet, suchen sie nach der nächsten. In Kombination mit einer Hochsensibilität liegt hier die Gefahr dauernder Überstimulation.

 

Im gleichen Kontext wird die Eigenschaft der Scanner beschrieben. Im Gegensatz zum High Sensation Seeker haben diese Menschen viele Interessen, springen gerne von einem Thema zum anderen, ohne sich festlegen zu können. Oftmals gelingt es ihnen nur schwer eine Sache zu Ende zu bringen. Allerdings ist es Ihnen auf der anderen Seite möglich, viele unterschiedliche Aspekte gleichzeitig zu erfassen und zu verarbeiten.

 

Eine Abgrenzung zur Hochbegabung kann ebenfalls schwer sein, wenn kein Intelligenztest vorliegt. Viele Hochsensible verfügen über eine überdurchschnittliche oder stark überdurchschnittliche Intelligenz. Das Vorliegen einer Hochsensibilität bei Hochbegabung wird von den Autoren unterschiedlich bewertet.

Tests, mit denen Sie Ihre Hochsensibilität überprüfen können, finden Sie auf hochsensibel.org und zartbesaitet.net und in der Originalversion von Dr. Elaine Aron auf hsperson.com. Dr. Sandra Konrad von der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg hat den Originaltest von Aron überarbeitet, erweitert und eine eindeutige Unterscheidung von Hochsensiblen und nicht-Hochsensiblen nachgewiesen. Es bleibt darauf zu warten, diesen Test für die Diagnostik nutzen zu können.