Kinder


Viele Eltern sind verunsichert, wenn sich ihr Kind nicht so entwickelt und verhält, wie sie es von anderen Kindern kennen. Eine abweichende Entwicklung kann viele Gründe haben und so ist als erstes ein Gespräch mit dem Kinderarzt oder ggf. auch einem Kinderpsychologen zu führen. Ist ein Kind hochsensibel, findet sich bei diesen Anlaufstellen meist keine hinreichende Erklärung. Denn Hochsensibilität ist keine Erkrankung. Da mit Hochsensibilität manchmal ähnliche Auffälligkeiten verbunden sind wie mit mit einer Hochbegabung, kann es sinnvoll sein, einen Intelligenztest durchführen zu lassen. Für eine Hochsensibilität gibt es noch keine wissenschaftlich anerkannten Tests, also keine "Beweisbarkeit". Das führt häufig zu Problemen, die Hochsensibilität bei Angehörigen, Freunden, Erziehern oder Lehrern zu kommunizieren.

Herausforderung Kita

Ein hochsensibles Kind kann sich bereits in einer Krabbelgruppe oder der Kita auf unterschiedlichste Art und Weise überfordert fühlen. Die Trennung von den Eltern, fremde Personen, der Geräuschpegel, Interaktionen zwischen den anderen, ein großes Angebot an Aktivitäten können ein hochsensibles Kind stark beanspruchen. Einige neigen dazu, sich zurückzuziehen oder still zu beobachten, andere suchen Schutz bei einer Erzieherin und wieder andere reagieren aggressiv. Manche möchten lieber zuhause bleiben und weinen viel, wenn sie abgegeben werden. Manche erzählen, emotional tief berührt, über das, was sie erlebt haben.

Herausforderung Schule

Spätestens in der Schule kommt es für hochsensible Kinder zu Schwierigkeiten bei der Anpassung an ein Umfeld, das ihnen an vielen Stellen nicht entspricht. Zu große Klassen, eine hohe Geräuschkulisse, zu viele Interaktionen zwischen den Mitschülern, die ein hochsensibles Kind ablenken, sich auf den Unterricht zu konzentrieren, Ungerechtigkeiten und Mitgefühl mit denen, die betroffen sind, Balgereien auf dem Schulhof sind Aspekte, die anstrengen oder aggressiv machen. Spätestens in den Grundschuljahren tritt auch das meist hohe Wertesystem eines hochsensiblen Kindes in Augenschein. Mit Wertvorstellungen wie Gerechtigkeit, Aufrichtigkeit, Ordnung, Perfektionismus, Wertschätzung und Mitmenschlichkeit ausgestattet werden hochsensible Kinder mit der Realität einer nicht immer so gestalteten Umwelt konfrontiert. Einige reagieren fast verzweifelt, weil sie den Arten des Umgangs, die nicht diesen Werten entsprechen, fassungslos gegenüber stehen. Die Schule ist darüber hinaus ein Ort, in dem ein junger Mensch vor ganz neue Herausforderungen gestellt wird. Ein Schulweg ist allein zu bestreiten, Leistungen werden bewertet, es wird erwartet, dass sich Schüler im Unterricht beteiligen oder vor die Klasse stellen, um etwas vorzutragen, Ausflüge und Klassenfahrten werden unternommen, Lehrerwechsel finden statt. Viel Neues und Aufregendes, das bei einem hochsensiblen Kind Unruhe und Angst oder Aggression verursachen kann.

Herausforderung Freunde

Da sich hochsensible Menschen meist in Gruppen unwohl oder überreizt fühlen, ziehen sie sich aus Selbstschutz zurück. Hochsensible Kinder finden sich daher eher am Rande von Gruppen oder gar als Außenseiter wieder. Auf der anderen Seite wünschen sie sich, dazu zu gehören und entwickeln einen Leidensdruck, wenn es ihnen nicht gelingt. Mannschaftssportarten sind für die meisten hochsensiblen Kinder nicht geeignet, weil sie körperliche Auseinandersetzung als unangenehm bis bedrängend empfinden. Gerade für Jungen kann es schwierig sein, eine Position zu finden. Auch die oben beschriebenen Wertvorstellungen hochsensibler Kinder machen es ihnen manchmal schwer, Freunde zu finden, da sie durch deren Verhalten oftmals irritiert sind und sich abwenden. Die Nachdenklichkeit und Tiefgründigkeit, mit denen schon hochsensible Kinder durchs Leben gehen, versuchen sie durch intensive, enge Kontakte zu wenigen Personen zu erfüllen.

Herausforderung Berufsfindung

Es gibt einige Stolpersteine auf dem Weg in den Beruf. Viele hochsensible Jugendliche und  junge Erwachsene sind durch ihr anders sein und die negativen Erfahrungen in der Schule verunsichert und trauen sich nicht zu, in der Berufswelt zu bestehen. Andererseits haben Hochsensible häufig viele Interessen und können sich schwer entscheiden, welchen Weg sie einschlagen sollen. Manche lassen sich stark von den Erwartungen der Eltern beeinflussen und wählen weniger aus der eigenen Überzeugung, sondern mehr um es den Eltern recht zu machen. So kommt es zu Fehlentscheidungen, die im Nachhinein korrigiert werden wollen. Die Erwartungen an einen Beruf sind bei Hochsensiblen sehr hoch. Da bei allem, was ein hochsensibler Mensch tut, die Sinnfrage mitschwingt, wird auch die Ausübung eines Berufes aus einer idealistischen Perspektive  betrachtet. Sind inhaltliche, soziale, ethische Bedingungen nicht gegeben, kommt es zu Enttäuschungen. Durch ihre meist hohe intrinsische Motivation und Selbstbestimmtheit erwarten Hochsensible bei ihrer Tätigkeit einen möglichst hohen Freiheitsgrad und fühlen sich begrenzt, wenn dies nicht der Fall ist.

Rolle der Eltern

Ein hochsensibles Kind auf den Weg ins Leben zu begleiten ist eine anspruchsvolle Aufgabe für die Eltern. Zum einen gibt es wenig Orientierung im Umfeld, weil der Umgang anderer Eltern mit nicht-hochsensiblen Kindern nicht als Vorbild taugt. Ebenso sind Erziehungsratgeber, die sich an Eltern nicht-hochsensibler Kinder richten kein guter Berater. Hochsensible Kinder brauchen einen differenzierten Umgang je nach eigener Persönlichkeit und den situativen Umständen. Wichtig für Eltern ist zu erkennen, wie ihr Kind die Welt wahrnimmt und dass seine Wahrnehmung unter Umständen sehr von den Wahrnehmungen anderer (Kinder) abweicht. Die daraus entstehenden Gefühle von Verunsicherung, Selbstzweifel oder Aggression gilt es zu akzeptieren und das Kind darin zu bestätigen, dass seine Gefühle in Ordnung sind. Auch mögliche Ängste und ein Weigern Neues auszuprobieren, sind ernst zu nehmen. Ein hochsensibles Kind zu etwas zu drängen wird seine Unsicherheit steigern und ein Scheitern sein Selbstwertgefühl noch weiter schwächen. Vielmehr ist der Spagat zwischen der Akzeptanz des Nicht-Möglichen und der einfühlsamen Unterstützung beim möglich werden, die Kunst, ein hochsensibles Kind zu begleiten.

Buchtipp

Elaine Aron: Das hochsensible Kind

Die Autorin beschreibt sehr detailliert die Problemfelder der Entwicklungsphasen vom Säugling bis zum jungen Erwachsene und gibt umfassende Hinweise zum Umgang damit.