Indikatoren der Hochsensibilität

DEfinition Hochsensibilität

Das Persönlichkeitsmerkmal der Hochsensibilität wurde durch Dr. Elaine Aron in den 1990er Jahren beschrieben. Hochsensibilität soll ca. 15 bis 20% der Menschen betreffen und ist eine angeborene Veränderung der neuronalen Prozesse im Gehirn. Im Wesentlichen werden innere und äußere Reize schneller und umfassender wahrgenommen und komplexer verarbeitet. Manche nennen die Hochsensibilität daher Wahrnehmungsbegabung. Es ist keine psychische Störung und auch nicht behandelbar. Psychotherapeutische Interventionen bleiben daher oft ohne Wirkung. Obwohl Hochsensibilität ein komplexes Persönlichkeitsmerkmal ist und die Unterschiede manchmal größer als die Gemeinsamkeiten scheinen, hat Aron 4 Indikatoren definiert, die erfüllt sein müssen, um von Hochsensibilität zu bestätigen.

Das hochsensible Haus

Um der Komplexität der Hochsensibilität gerecht zu werden, habe ich das Modell des Hochsensiblen Hauses entwickelt. Das Haus als Modell taucht in der Psychologie als Metapher für das Selbst auf, für den körperlichen oder seelischen Zustand, für den Grad von Wohlbefinden oder Gesundheit. Manche kennen Häuser und Räume aus ihren Träumen. Die verschiedenen Räume repräsentieren die unterschiedlichen Qualitäten oder Anteile in uns. So wie wir im realen Leben verschiedene Räume zu verschiedenen Zwecken nutzen, so durchlaufen wir auch innere Räume. Sie sind 

Anteile, aus denen heraus wir gesteuert werden. Sie beeinflussen unser Denken, Fühlen und Handeln.

 

Die 4 Indikatoren der Hochsensibilität sind als Eingangsebene zu verstehen. Hier gehen Reize ein, von hier aus wird die besondere neuronale Disposition der Hochsensibilität bestimmt. Diese Ebene unterscheidet den hochsensiblen vom nicht-hochsensiblen Menschen.

Die 4 Indikatoren Der Hochsensibilität

1. Indikator: Intensive Wahrnehmung und Verarbeitung

Man geht davon aus, dass durch veränderte neuronale Prozesse im hochsensiblen Gehirn, ein Vielfaches an inneren und äußeren Reizen aufgenommen wird und damit grundsätzlich mehr Daten, die zur Verfügung stehen. Diese Fülle an Informationen führt bei Hochsensiblen zu zeitaufwendigen inneren Betrachtungen, denn bei der Verarbeitung sind mehr Gehirnareale aktiv. Hochsensible zeichnen sich durch komplexe, tiefgründige, vorausschauende Denkprozesse aus und kommen zu folgerichtigen Einschätzungen und Entscheidungen.

 

2. Indikator: Emotionale Reaktivität und Nachhall

Aus den wahrgenommenen Eindrücken und vielfältigen Denkvorgängen werden zumeist starke Emotionen generiert. Die Gehirnforschung hat Vergrößerungen des Emotionszentrums bis zur achtfachen Größe beobachtet. Erlebnisse und Gedanken aller Art berühren, bewegen und beeinflussen hochsensible Menschen. Gefühle entwickeln bei vielen eine eigene Dynamik und der Nachhall kann sich über viele Stunden oder gar Tage bis Wochen hinziehen. Die Gefühlswelt dient vielen Hochsensiblen als Quelle der Inspiration und Bereicherung.

 

3. Indikator: Erhöhte Empfindsamkeit der Sinne

Um Hochsensibilität zu bestätigen, muss mindestens ein sensorischer Kanal empfindsam reagieren. Neben Sehen, Hören, Fühlen/Tasten, Riechen und Schmecken gehören auch die weniger erforschten Sinne wie energetisch, feinstofflich dazu. Möglicherweise liegt die Empfindsamkeit in einer genetischen Veränderung im Thalamus, dessen Aufgabe es ist, eingehende Informationen zu bewerten und zu filtern, um sie dann an die Großhirnrinde weiter zu geben und bewusst zu machen. Im hochsensiblen Gehirn werden Reize offensichtlich als bedeutsamer eingestuft und es dringen mehr Informationen ins Bewusstsein.

 

4. Indikator: Überreizung

Die intensive Wahrnehmung und Verarbeitung, die emotionale Reaktivität und die Empfindsamkeit der Sinne lassen eine Datenmenge im Gehirn entstehen, die durchaus Stress verursachen kann. Eine Überreizung zeigt sich anhand unterschiedlicher Symptome, wie in einer erhöhten Reizbarkeit, Unruhe, Aggressivität, körperlicher Anspannung, Kopfschmerzen, Schwitzen, Erröten, Herzrasen, Zittern, Weinen, im Sinken der kognitiven Fähigkeiten oder einer Erschöpfungsreaktion mit Rückzugstendenz.

Fazit und KonsequenzeN

Wenn Sie sich in diesen Indikatoren wieder erkennen, so können Sie davon ausgehen, dass das hochsensible Persönlichkeitskonzept auf Sie passt. Für manche sind diese Angaben nicht ausreichend sich einzuschätzen, weil Sie bisher davon ausgegangen waren, ihre Wahrnehmung, ihr Denken und Fühlen seien "normal", es sei bei allen so. Hier kann es gut sein, sich mit anderen zu vergleichen und die tatsächlichen Unterschiede der Wahrnehmung, des Denkens und des Fühlens bewusst zu machen. Aus meiner Erfahrung kann ein offener, wertschätzender Austausch darüber zu verständnisvolleren Beziehungen führen. Denn wir müssen davon ausgehen, dass 85 % der Menschen um uns herum, die Welt ganz anders sehen und daher auch ihr Leben anders gestalten.

 

Eine Schwierigkeit des hochsensiblen Lebens ist ja die Tatsache, als Minderheit in einer Mehrheit zu leben. Die Orientierung an der Mehrheit bedeutet eine Orientierung an Menschen, die anders wahrnehmen, denken, fühlen und handeln. Deren Lebenskonzepte sind häufig nicht passend oder gar kontraproduktiv für Hochsensible. Sich in der nicht-hochsensiblen Welt zu bewegen heißt, eine dauerhafte Anpassungsleistung zu leisten, verbunden mit den typischerweise immensen Ansprüchen, die Hochsensible an sich selbst haben. Der Versuch alles perfekt zu machen, allen gestellten oder vermuteten Erwartungen zu genügen, Verständnis für andere zu haben, mitzufühlen, ausgleichen zu wollen, mit den anderen mitzuhalten und am Ende vor sich selbst doch nicht zu genügen, bedeutet im ständigen Stress Modus zu leben.

 

Es ist leider nicht von der Hand zu weisen, dass Hochsensibilität eine Anfälligkeit mit sich bringt. Dauerhafte Zustände der Überreizung haben gesundheitliche Auswirkungen und sollten daher vermieden werden.

 

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