Hochsensibilität akzeptieren

Ich denke, es gibt inzwischen keinen ernst zu nehmenden Zweifel mehr daran, dass Hochsensibilität eine Realität darstellt. In der Begleitung der Menschen, die zu mir kommen, kann ich regelmäßig beobachten, wie die Erkenntnis über die eigene Hochsensibilität und deren uneingeschränkte Akzeptanz meist zu einer schnellen Veränderung hinsichtlich des Wohlbefindens und des Selbstwertgefühls führen.

Die Psychologin Dr. Sandra Konrad geht mit den Annahmen von Dr. Elaine Aron konform und sieht in der Hochsensibilität ein Temperamentsmerkmal, das sich aus genetischen und pränatalen Faktoren zusammen setzt und im Laufe des Lebens stabil bleibt. Hier zeigt sich ein markanter Gegensatz zu psychischen Störungen, die in verschiedenen Lebensphasen auftreten, sich verändern und wieder verschwinden können. Die bildgebenden Verfahren der Hirnforschung zeigen beispielsweise, dass die vermeintlich als Angst oder Angststörung bewerteten Zustände bei hochsensiblen Menschen keine Reaktionen in den für die Angst relevanten Hirnarealen aufweisen. Handelt es sich also vielleicht gar nicht um Angst, sondern lediglich um Symptome vegetativer Übererregung? Sind Diagnosen, die Hochsensiblen angeboten werden, möglicherweise nicht zutreffend oder gar irreführend?

 

Indem wir unsere Reaktionen, die wir bisher als Störung bewertet haben, mit dem Wissen um Hochsensibilität neu interpretieren, wird es möglich, die defizitäre Perspektive auf sich zu verlassen, sich von Diagnosen und Selbstabwertungen zu befreien und Hochsensibilität als das zu sehen, was sie ist. Sie ist auf andersartige Hirnstrukturen und -prozesse zurück zu führen und sie birgt viele Potenziale, die darauf warten, eingesetzt zu werden. Um Zugang zu diesen Potenzialen zu erlangen, ist der erste Schritt, sich voll und ganz anzunehmen und damit aufzuhören, sich mit Menschen zu vergleichen, deren Gehirne andere Funktionsweisen aufzeigen. Meine Erfahrung zeigt, dass dann ein schönes und lebendiges eigenes Kennenlernen in Gang kommt, das durchaus kraftvolle Veränderungen zur Folge haben kann.